"Ich genieße die synthetische Freiheit" heißt es in einem Poem des montenegrinischen Dichters Momir Delibašić. Diese Zeile steht Pate für den Titel seienes neuen Gedichtbandes in deutsche Übersetzung: "DIE SYNTHETISCHE FREIHEIT". Aber was meint der Dichter mit ' synthetische Freiheit'? Warum 'genießt' er sie? Und wie?
Die Neugier treibt uns, wir lesen weiter: "Mit dem Recht einer Stimme / wäre ich gefährlich / an ihren Fundamenten". Welche Botschaften bringt uns dieser Mann aus dem unergründlichen Land, dessen wahrer Herrscher der ewige Stein ist? Momir Delibašić Gedichte sind lyrische Denkanstöße.
Noch ehe wir merken, wie uns geschieht, sind wir der Faszination dieser Gedichte voll sensitiver Gedankentiefe erlegen. Sie treffen unser Innerstes, rütteln uns auf, mitreißend sind die Sprachbilder voll visueller Urgewalt. "Wenn sie mich an die Wand stellen / die Augen verbunden mit dunklem Tuch / gebt mir die Sternenhelligkeit / weit entfernter Quellen des Alls", sagt das lyrische Ich. An anderer Stelle zeichnet es eine " zu Eis erstarrte Landschaft", spricht von "der steinernen Saat", von "Früchten, gefertigt aus reiner Geometrie / der Nach-Tschernobyl-Ära", oder erzählt uns vom "Engel voll bitterer Güte".
Das, wie hier verwendete Oxymoron weiß der Dichter mit Bedacht als Stilmittel einzusetzen; die ungeheure Dynamik in seinem Rhythmus erzielt er durch die vielen Enjambements, die urtümliche Kraft der Sprache aber drängt aus ihm selbst heraus.
"Die synthetische Freihet" (Originaltitel: Muke među neukuma") ist der zweite Gedichtband Momir Delibašić, der auch hier wieder durch die Vielfalt seiner Motiv- und Themenwahl fasziniert. Eingebettet zwischen politischen und philosophischen Poemen, wie "Mit dem Recht einer Stimme", "Geometrien" und "Geheimnis" findet der Leser in "Mitternachtsmädchen", Zwischen den Worten, zwischen den Welten I" und "Tan Yan" Liebeslyrik von beinahe schüchterner Zärtlichkeit und versteckter, aber doch geballter Erotik.
Am meisten aber beeindruckt an Momir Delibašić Gedichten, seinen lyrischen Botschaften, ihre Gedankentiefe und die ihnen innewohnende Philosophie, die — trotz der Wiederwärtigkeiten dieser Welt — unbeirrt für Menschlichkeit und Menschenwürde eintritt.
Es ist die Philosophie einer ungebrochenen Seele.
ELENA DROZDIK M.A
EIN BRIEF
Herr:
der du alle Sprachen sprichst,
lehre sie,
daß sie meine Name aussprechen
erlöse ihn von diesem Schicksal,
von Einsamkeit,
Unglück und Elend.
löse ihnen die Zunge
wie nur du es kannst un vermagst
— durch Keilschrift,
— durch Hieroglyphen
— durch Algebra
sie sollen zu Begreifendes begreifen
nichts weiter
denn
furchtbar sind, oh Herr,
die Qualen unter unwissenden:
wenn nötig gib den Urschrei zurück
im Schlund
daß sie ihn reinigen,
um unseren Namen auszusprechen.
HIROSHIMA UND NAGASAKI
Das, was war,
war vor uns,
es dauert an wie die düstere Bitternis des Tages,
die Tore der Hölle haben sich geöffnet:
irgendjemand hat die Güte des Feuers mißbraucht,
das gelbe Licht hat er erfunden,
das Feld zu ernten, hat er die Horizonte entzündet
und die Häauser mit schönen Ammeen:
der Durst kommt von dort, aus dem Reich des Leidens,
aber das war schon längst, das war gestern:
irgendjemand hat vergessen,
die Höllentore zu schließen.
REQUIEM
Einst sah ich das Entsetzen in den Augen des Hirsches
als er verwundert am Abhang stehen blieb:
ich sah auch das Entsetzen in den Augen der Jäger
als der Hirsch sich entfernte
mit einem Rest Leben
und einem Fünkchen Hoffnung.
Überstzung: ELENA DROZDIK
Aus dem Buch:
Die synthetische Freihet , 1993.
Originaltitel: Muke među neukuma, 1985.
Momir Delibasic

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